Was ist die Wahrheit?

Warum wollen wir immer Antworten haben? Ist an der Wahrheit selbst etwas edles und wahrhaftiges, dass sie so oft als das höchste Gut zählt? Ist denn nicht auch das Imaginäre manchmal wünschenswert? Hat nicht jeder manchmal Fantasien die besser sind als jede Realität?

Schränkt uns die Wahrheit ein? Können wir in unserem Geist nicht viel mehr erreichen als es ein fest bestimmter Weg könnte? Gibt es so etwas wie einen wahren Weg und ist dieser bereits bekannt? Wenn alles Wahre bekannt wäre, gäbe es dann noch etwas das man entdecken kann? Oder ist das Entdecken in einer Welt, in der so vieles bekannt ist, gar nicht mehr von Bedeutung? Ist nicht das Entdecken eine der ersten aktiven Handlungen in unserem Leben? Hab ich am Entdecken so viel Freude gefunden, dass dieser Wunsch auch heute noch mein Leben prägt? Bin ich hier die Ausnahme oder die Regel?

Wie oft hab ich mich gefragt, ob meine Wahrnehmung wahr ist? Bin ich überhaupt dazu in der Lage die Wahrheit wahr zu nehmen? Ist irgendjemand dazu in der Lage? Hat nicht jeder seine eigene Wahrheit? Wie soll dann irgendjemand das Allumfassende erkennen können? Warum wirken so viele Menschen, als ob sie ihre eigenen Worte nicht in Frage stellen? Wirke ich unsicher, wenn ich mich selbst immerzu in Frage stelle? Ist es schlecht unsicher zu sein?

Kann sich die Wahrheit verändern? Verändert sich nicht auch die Welt jeden Tag? Sterben nicht alte Wahrheitsfinder und neue Entdecker werden geboren? Wie kann sich dann irgendjemand sicher in irgendetwas sein? Wenn ich mir morgen die selben Fragen wie heute stellen würde, würde ich die selben Dinge antworten? Gibt es irgendeinen Menschen, der auf die selben Fragen immer nur die selben Antworten gibt? Gibt es Menschen, die sich keine Fragen mehr stellen? Möchte ich in einer Welt leben, in der die Antworten auf Fragen bereits festgelegt sind?

Wenn es einen Menschen geben würde, der die ganze Wahrheit kennt, würde er sie verbreiten? Würde sich die Wahrheit nicht dadurch verändern, dass er sie erzählt? Entsteht die Wahrheit nicht zuallererst bei demjenigen der zuhört? Verändert sich das Gesagte nicht sofort dadurch, dass der Hörer wieder zum Sprecher wird? Wie kann dann irgendetwas fest sein? Wie kann Sprache fest sein? Wie kann Glaube fest sein? Wie kann dieser Text fest sein?

Wenn es keine Wahrheit gibt, wieso sollten wir also ehrlich sein? Sollten wir nicht Lügen und die Wahrheit verbiegen, um uns die Wahrheit zu schaffen, die wir wollen? Wäre das fair gegenüber den Mitmenschen? Wäre das fair gegenüber dir selbst? Ist die Wahrheit fair? Sollten wir fair sein? Möchtest du, dass man dir gegenüber fair ist? Wäre es nicht am fairsten, wenn man jedem seine eigene Wahrheit lässt? Doch was wenn die Wahrheit des einen, die Wahrheit des anderen verändert? Wenn jemand denkt, dass es wahr und richtig ist, dass ein anderer nicht mehr ist? Geht es nicht immer nur um Grenzen? Fängt die Wahrheit des einen dort an, wo die Wahrheit des anderen aufhört?

Liege ich vielleicht falsch? Stand meine Meinung zur Wahrheit am Anfang des Textes nicht bereits fest? Oder führen Fragen niemals zu einer Antwort? Wie könnte ich anders, als Fragen zu stellen? Woher sollte ich jemals wissen, ob ich es bin der falsch liegt oder diejenigen, die sagen, dass ich es tue? Führt Zweifel nicht grundsätzlich zu Zweifel? Ist es also falsch zu zweifeln? Oder sollten wir vielleicht lernen, den Zweifel in uns zu nutzen?

Sollten wir also nicht die Wahrheit, sondern die Realität verändern? Und zwar nicht indem wir keine Fragen mehr stellen und einfach handeln, sondern indem wir Fragen stellen und deshalb handeln? Indem wir unsere Fantasie nutzen, um uns eine bessere Welt vorzustellen? Und dann zu überlegen, wie wir sie erreichen? Ist das der Wahrheits letzter Schluss?

Kai Frederic am 23.07.2014 / Ideenflut / 0 Kommentare Trackback /

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